Erfahrungsbericht

Regens Wagner zum Würzburger Modell (Bauen für Geborgenheit)

Von:
Willi Käser, Stv. Gesamtleitung und über 10 Jahre Bereichsleiter für das Haus Paarblick sowie die Förderstätte
Helmut Hirner, Zuständig für Öffentlichkeitsarbeit mit mehreren Jahren Erfahrung als Zivildienstleistender sowie haupt- und ehrenamtlicher Mitarbeiter im Haus Paarblick

Regens Wagner bietet Dienste an für Kinder und Jugendliche mit Hörschädigung und/oder individuellem Förderbedarf und Erwachsene mit Hörschädigung oder geistiger Behinderung oder Mehrfachbehinderung.

Seit 15 Jahren finden bei Regens Wagner erwachsene Menschen mit schwersten Behinderungen ein Zuhause im Wohnheim und Beschäftigung in der Förderstätte für schwerstbehinderte Erwachsene.

Aufgrund des hohen Hilfebedarfes befinden sich hier kleine überschaubare Wohneinheiten und Arbeitsgruppen, die in der Regel gemischtgeschlechtlich und behinderungsheterogen sind. Das Zusammenleben im Haus Paarblick als Wohnort und in der Förderstätte als Arbeits- und Beschäftigungsort orientiert sich einerseits an familienähnliche Strukturen und Wohngemeinschaften und andererseits an Förder- und Arbeitsmöglichkeiten im Sinne der Selbständigkeit, Normalisierung und Integration. Sich wohlfühlen, dazugehören, sich zurückziehen können, Schutzraum haben, Geborgensein, an einem geeigneten Arbeitsplatz aktiv und produktiv werden können – all dies soll der Mensch mit Behinderung dort erfahren können.

Für die individuelle Begleitung und Assistenz stehen den Menschen mit Behinderung vor allem Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mit pädagogischer, heilpädagogischer, pflegerischer und sozialer Qualifikation zur Verfügung, die bereit sind, sich engagiert für die Förderstättenbeschäftigten und Bewohner einzusetzen und ihr Leben ein Stück weit mit ihnen zu teilen.

Bei der Umsetzung der oben genannten Angebote und Hilfen für Menschen mit einem hohen Hilfebedarf hilft eine klare Raumgliederung der Wohn- und Arbeitsgruppen. Die Ausstattung der Räume ist den Bedürfnissen und dem Hilfebedarf angepasst und berücksichtigt bspw. Rollstuhlfahrer und Personen mit Gehhilfen ebenso wie Menschen mit autistischem Verhalten.

Jahre 1997 konnten das Haus Paarblick (neues Wohnheim) sowie der Neubau der Förderstätte von den Menschen mit Behinderung gemeinsam mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen bezogen werden. Die beiden neuen Gebäude wurden nach intensiven Planungen zusammen mit den Menschen mit Behinderung, deren Angehörigen, den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen sowie dem fachlich und persönlich hervorragenden Innenarchitekten Roland Bayer nach dem Konzept des Würzburger Modells ausgestattet.

Verschiedene Arbeitsprojekte wurden ehrenamtlich in Teamarbeit von Bewohnern und Beschäftigten, Eltern und Angehörigen, Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen unserer Einrichtung sowie dem Innenarchitekten während der Bauphase durchgeführt. Ob Maler-, Schreiner- und Töpferarbeiten im Haus oder Streicharbeiten am Gebäude oder die Herstellung von Weidengeflechten im Garten, alle Aktionen ergaben nicht nur wertvolle Ergebnisse, sondern machten allen auch riesig Spaß. So wurden z. B. an vielen Abenden mehr als 1000 Fliesen in Eigenarbeit hergestellt, die heute viele individuelle "Spuren" in den beiden Häusern hinterlassen und phantasievolle und wunderschöne Fliesenbilder darstellen.

Sinnvolle pädagogische Begleitung erfordert nicht nur fachliche Kompetenz des Personals, sondern kann nur in einer sinnvoll gestalteten Umgebung Wirkung zeigen. Die Ausstattung der Räume nach dem Würzburger Modell hat sich diesbezüglich als äußerst positiv bewährt.

Die Erfahrungen bei Regens Wagner unterstützen diese Annahme eindeutig. So ist seit dem Umzug in die nicht nur sehr schönen und freundlichen, sondern auch für den Alltag praktikabel ausgestatteten Räume einerseits eine Beheimatung und andererseits deutliche Reduzierung von schweren Verhaltensauffälligkeiten bei vielen Bewohnern und Beschäftigten festzustellen.

Normalisierungsprozesse mit mehr Selbständigkeit und Eigenständigkeit sind in Gang gekommen, die verschiedentlich bis zum Abbau von Fixierungen als freiheitsentziehende Maßnahmen führten. Während bspw. in Folge der erheblichen Fremdaggressionen und massiven Zerstörungen eines Bewohners die Ausstattung seines Individualraumes in der Voreinrichtung letztlich nur noch aus einem Metallbettgestell und Metallschrank bestand, wohnt und lebt nunmehr dieser gleiche Mensch mit schwerster Behinderung in einem sehr wohnlich und anregenden Zimmer mit einer massiven Holzausstattung nach dem Würzburger Modell seit mehr als 5 Jahren deutlich ausgeglichner und zufriedener - ohne eine gravierende Beschädigung seiner Zimmermöblierung. Während in der Voreinrichtung über Jahre lediglich eine Heimbeschulung durchgeführt werden konnte, ist der täglich selbständige Gang in die Förderstätte mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden.

Im Haus Paarblick als Wohnumfeld wie in der Förderstätte als Arbeitsbereich ist eine deutliche Entwicklung hin zu Geborgenheit und Beheimatung bei den Bewohnern und Beschäftigten zu erkennen.

Die Bedingungen des Würzburger Modells wirken sich jedoch ebenso positiv auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Angehörige und Besucher aus. Dies wird oft bereits beim Betreten des Hauses Paarblick als Wohnhaus und der Förderstätte als Arbeits- und Beschäftigungsbereich geäußert.
Daher können wir im einzelnen auf folgende positive Auswirkungen der Raumgestaltung auf die Menschen mit und ohne Behinderung in beiden Häusern feststellen:

  • Durch die Gestaltung der Räume nach dem Würzburger Modell entsteht im Wohnbereich der Menschen mit einer schweren Behinderung und dem häufig einhergehenden hohen Pflegebedarf ein Wohnumfeld, das einem ganzheitlichen Ansatz von Assistenz, Begleitung und Pflege Rechnung trägt. Wohn- und Lebensqualität stehen im Vordergrund und nicht Pflege- und
  • Hygienemaßnahmen. Auch hier tritt ein Normalisierungsprozess ein, der allgemein übliche Standards und Wünsche in unserer Gesellschaft wie Wohnqualität oder Zuhause als Basis hat.
  • Die vorhandenen Nischen als Rückzugsraum bieten einen Schutz- und Schonraum. Die Bewohner bzw. Beschäftigten können trotz der selbst gewählten räumlichen Distanz weiter am Gruppengeschehen durch Beobachtung, etc. teilnehmen. Sie müssen sich nicht mehr gänzlich aus der Gemeinschaft entfernen (Isolation), wenn sie Schwierigkeiten haben, sich in die Gruppensituationen einzufügen. Die Gemeinschaft wird dadurch deutlich gefördert. Dies spielt eine große Rolle im Hinblick auf integrative und soziale Zielsetzungen in der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen.
  • Menschen mit schwerer Behinderung haben oftmals Schwierigkeiten bei der räumlichen und zeitlichen Orientierung. Eine klare räumliche Struktur, innerhalb derer individuelle Gestaltungsmöglichkeiten gegeben sind, erleichtert die Orientierung und vermittelt Sicherheit. Dadurch entstehen weniger Überforderungssituationen - Hilfestellungen diesbezüglich können vereinfacht erfolgen. Dies wiederum führt zu vermehrter Selbständigkeit, Selbstbestimmung und Selbstbewusstsein.
  • Die "offene" und individuelle Einrichtung mit Regalen, offenen Schränken etc. regt die Bewohner und Beschäftigten mit schweren Behinderungen zu Eigenaktivität an. Spielgeräte, Bücher, etc. können aus eigenem Antrieb verwendet werden.
  • Ein orientierungsloses Entfernen aus dem Wohn- und Arbeitsfeld hat deutlich abgenommen. Die Menschen mit Behinderung erhalten durch die stabilen Einbauten vermehrt Sicherheitsgefühl und gewinnen dadurch an Vertrauen. Ebenso wirken sich die schon erwähnten Rückzugsmöglichkeiten positiv auf die Verhaltensoriginalitäten – für andere häufig ein "Problemverhalten" - aus, indem diese eindeutig abnehmen.
  • Die gleichbleibende Raumstruktur steigert Vertrauen auf Stabilität. Ebenso wirkt sich diese positiv auf die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus, die dadurch in ihrer - oft schwierigen -Arbeitssituation unterstützt werden.
  • Für Menschen mit Behinderungen, deren Wahrnehmungen oft besonders eingeschränkt sind (v.a. autistische Menschen), eignet sich das Material Holz besonders. Holz wird gerne "befühlt"; es bietet einen optischen Anreiz; das Klopfen auf Holz spricht den Hörsinn positiv an (siehe auch viele Musikinstrumente, die den Klang des Holzes ausnutzen); auch der Geruch des Holzes wird gerne aktiv wahrgenommen.
  • Im Arbeits- und Beschäftigungsbereich der Förderstätte werden durch die klare Raumstruktur vermehrt verschiedene Arbeitsplatzsituationen mit Gemeinschafts- und Einzelarbeitsplätzen geschaffen. Durch dieses Umfeld werden Kreativität und Produktivität gefördert.
  • Die Ausstattung unterstützt durch die hohe Atmungsaktivität ein gesundes Raumklima, indem das Holz als natürlicher Baustoff Wärme aufnimmt und wieder abgibt.
  • Durch die Verwendung bestimmter Naturfarben (rot, grün, blau, ocker), die sich in der Natur wiederfinden und von Naturmaterialien (Holz) wird eine Verbindung von Raum (innen) und Natur (außen) hergestellt. Zudem nehmen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen als Begleiter und Assistenten in ihrer Arbeit mit den Menschen mit Behinderung vermehrt Naturmaterialien in ihren Alltag mit auf.

Bei der individuellen Gestaltung der Räume mit Dekorationsgegenständen, Vorhängen, Bildern, etc. achten zudem die Mitarbeiter in Zusammenarbeit mit den behinderten Menschen scheinbar selbstverständlich auf die passende Farbe und Form, so dass die räumliche Einheit stets gegeben bleibt.

Die äußerst positiven Erfahrungen in den letzten Jahren – seit Bezug der beiden Häuser – haben uns motiviert, den im Jahre 2004 anstehenden Erweiterungsbau der Förderstätte wieder nach den Grundlagen des Würzburger Modells auszustatten und können aus pädagogischer Sicht dieses an die Grundbedürfnisse von Menschen mit oder ohne Behinderung orientierte Ausstattungsform des Würzburger Modells (Bauen für Geborgenheit) nur bestens empfehlen.

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Planung und Bauaufsicht: Dipl. Ing. Roland Bayer, Altdorf