Die Gestaltungskriterien von
Bauen für Geborgenheit / Würzburger Modell

Bei „Bauen für Geborgenheit“ handelt es sich nicht um ein pädagogisches Prinzip, sondern um ein, verschiedenen pädagogischen Richtungen dienliches, Raumgestaltungsprogramm mit bewährten Gestaltungskriterien. Diese tragen sowohl bei Neubauten, Modernisierungen, Umbauten, wie auch bei der Neugestaltung von vorhandenen Räumen – und auch im Einzelraum. Die Fotos sollen symbolhaft die Gestaltungskriterien zeigen.

Von innen nach außen planen

Für das Erreichen von nachhaltig-pädagogischer Architektur und Raumgestaltung ist es für Bauen für Geborgenheit (BfG) unerläßlich, von innen nach außen zu planen, und nicht, wie zumeist praktiziert, den umgekehrten Weg zu gehen. Das bedeutet, zunächst die Bedürfnisse der sog. Nutzer, also z.B. KiTa-Kindern, Heimbewohnern, Schülern etc. und deren Pädagogen / Lehrern genau zu ermitteln und diese Bedürfnisse dann planerisch auf die sie umgebenden Räume zu übertragen, sowie bei Neubauten bereits den Haus-grundriß danach zu gestalten. Üblicherweise (das Wort ist mit dem Wort „Übel“ eng verwandt!) finden Pädagogen einen gegebenen Raum, ein fertiggeplantes Haus vor – und müssen darin „zurechtkommen“. Die Umsetzung der Nutzer- und pädagogischen Bedürfnisse führt nach unserer Erfahrung zu verbesserter Aneignung und Akzeptanz. Umfassende pädagogische Nutzbarkeit muß die Prämisse beim Bauen im sozialen Bereich sein.


Das gezeigte Beispiel: Ein zusammen mit Pädagogen geplanter Atelier-Werk-Raum (bei Fertigstellung) in einem Kinderhaus (inklusive Hortbereich) mit gemeinsam überlegten Funktionsbereichen, wie: großer Steharbeitstisch, Malbereich, Schultafel, Klapptische, fahrbarer Werkblock, Materialregalen, Papierschränken, Hobelbank u. ä.. Verschiedene Nischen machen konzentrierte Gruppen- und Einzelarbeit nebeneinander möglich.

Raumgestaltung – eine Begriffsklärung

Raumgestaltung bedeutet für uns – im Gegensatz zur Flächenmöblierung – die Nutzung des vorhandenen Raumvolumens, ist also eine Gliederung des Raumes in Fläche und Höhe, vertikal und horizontal. In den meisten Räumen in Schulen, Heimen und anderen sozialen Einrichtungen hört die „Raumgestaltung“ auf ca. 2 Meter Höhe auf – so hoch sind maximal die meisten zur Verfügung stehenden, handelsüblichen Möbel.

Vergleichsrechnung: in einem Kindertagesstättenraum mit 50 m² und 3 m Höhe wird der über 2 m Höhe liegende Raumbereich oft nicht genutzt – das sind 50 m³ ungenutztes Raumvolumen! Zudem wird in diesem Fall die Kindergröße (Proportion) nicht in ein angemessenes Verhältnis zum Raum gesetzt: der Raum ist ca. 3mal so hoch wie das Kind – auf Erwachsene umgerechnet würde das einen 5,40 m hohen Raum – mit seiner Unbehaglichkeit – bedeuten. Vgl. hierzu auch den Begriff „menschliches Maß“.

Bei Nutzung der Raumhöhe in Form von Funktionsbereichen kann beispielsweise in einem 4 m hohen Schulraum (oft in Alt- oder historischen Bauten anzutreffen) die Klassenbibliothek, eine Gruppenarbeitsecke, ein Rückzugsbereich … „über Kopf“ angesiedelt werden und damit nebenbei dem „Dichtestreß“ (vgl. Dr. Wilfried Buddensiek) entgegenwirken, ohne die nutzbare Bodenfläche im Schulraum wesentlich einzuengen. Es entsteht ein zusätzliches, pädagogisch nutzbares Raumangebot. In Zweibettzimmern in Jugendheimen ermöglichen Hochbetten oder (in hohen Räumen) höhenversetzte Individualbereiche eine klare Gliederung und Erkennbarkeit des jedem der Bewohner zugeordneten Raumbereiches. Die Folge ist eine wichtige Entspannung im täglichen Zusammenleben.


Das gezeigte Beispiel: Höhengliederung in einem SVE-Raum einer sonderpäd. Förderschule. Der Eingangsbereich ist mittels Pergola niedriger und „verkehrsberuhigt“ gestaltet, durch Einziehen einer oberen Ebene ist ein Rückzugsbereich von ca. 8 m² über der höhlenartigen Versammlungsecke entstanden.

Niedrigere vertikale Raumgestaltungs-Elemente sind Podeste, die in Schulen u. a. als Bühne, Themenecke, in Jugendheimen als Hauswirtschaftsbereich oder Werkecke verwendet werden und eine deutlich sichtbare und dadurch ganz natürlich zu respektierende Grenze zum Bodenbereich darstellen (vgl. hierzu das Buch „Kinder brauchen Grenzen“ von Jan-Uwe Rogge).

Pergolen oder Baldachine (mit Stoffbespannung), die in etwa 2,40 m Höhe montiert werden, betonen Sitz- oder Rückzugsbereiche – und wirken zudem schallmindernd, was den zumeist „übervölkerten“ Räumen in sozialen Einrichtungen zugutekommt, in denen oft hohe Schallpegel herrschen (vgl. den Begriff von Prof. Wolfgang Mahlke: „Laut-Stärke“).


Das gezeigte Beispiel: Gemeinschaftsraum einer Wohngruppe für autistische Bewohner vom Eingang her gesehen. Rechterhand angeordnet der Hauswirtschaftsbereich auf einem stufenhohen Podest mit Schränken und offenen Regalen sowie einem quer zum Raum stehenden Arbeitstisch, an dem man (Bewohner und Mitarbeiter), sich gegenüberstehend, miteinander Wäsche zusammenlegt und andere Tätigkeiten ausführt.
Im Hintergrund betont eine Pergola den Übergang zum anschließenden Flur zu den Individualräumen.

Die Grundbedürfnisse von Menschen als architektonische Aufgabe

Im Laufe eines 5jährigen Forschungsprojektes von BfG namens „Der gestaltete Raum als Lebenshilfe für Kinder, Jugendliche und Erwachsene“ von 1986- 1991 stellten sich unter vielen untersuchten Begriffen, die sowohl psychosozial wie auch architektonisch Verwendung finden, eine Handvoll als „Grundbedürfnisse von Menschen“ heraus. Für diese als Planer architektonische und raumgestaltende Antworten zu finden ist nach unserer Ansicht eine wichtige Aufgabe im Bereich des sozialen Bauens. Die tägliche Rahmenbedingung „Raum“ für die Pädagogik kann, wenn gelungen und im Miteinander von Pädagogen und Architekten entwickelt, als sog. „3.Haut des Menschen“ (die erste ist die eigene Haut, die zweite die Kleidung, bereits dann ist um uns der Raum) bzw. als „3. Erzieher“ sehr positiv auf das Leben und Lernen in sozialen Einrichtungen und Schulen wirken. Diese Grundbedürfnisse von Menschen sind deckungsgleich mit den Gestaltungskriterien des Raumgestaltungsprogrammes „Bauen für Geborgenheit“.

1. Geborgenheit
In sozialen Einrichtungen und Schulen sind, mit Ausnahme des Urlaubs, täglich große, künstlich gebildete Gruppen zusammen. Der unvermeidliche Gruppendruck, „Dichtestreß“ (Buddensiek), die stete Anspannung in der Großgruppe führt zu Rangeleien, Revier- und Machtkämpfen. Dem kann ein differenziert gestalteter Raum, der Geborgenheit vermittelt, entgegenwirken. Die Folge für die Pädagogik ist eine Hinwendung zur wirklichen päd. Arbeit, d.h. zur Förderung der Anvertrauten, statt ständiger Reglementierung und Ausgleichs-Versuche. Räumlich erlebte Geborgenheit ist die Voraussetzung zur Selbstannahme und zur Aufnahme sozialer Beziehungen, zur wachsenden Selbstsicherheit. Sie ermöglicht emotionales Wachstum, innere Entspannung und unterstützt sicher Gewaltlosigkeit. Der Wunsch nach Schutz und Geborgenheit ist ein menschlicher Urinstinkt (vgl. die Worte Berg, Burg, bergen, geborgen, Geborgenheit).


Gezeigtes Beispiel: geschützte Sitz-/ Liegeecke in einem Heim für jugendliche Autisten.

Architektonisch / raumgestalterisch werden zur Erreichung von Geborgenheit u. a. folgende Gestaltungsmittel eingesetzt:

  • Gliederung in Fläche und Höhe (z. B. Rückzugsmöglichkeiten oben)
  • Harmonische Material- und Farbabstimmung (visuell und haptisch, Holz, Textil, Keramik, Wandflächen u. ä.)
  • Sinnvolle Gliederung in Aktiv- und Ruhebereiche (bedürfnisgerechte Betätigungs- und Entspannungsbereiche)
  • Vermeidung schlauchartiger Raumbereiche – möglichst quadratische anstreben
  • Differenzierte, optimistisch stimmende natürliche und künstliche Beleuchtung
  • Gemeinschafts-, Kleingruppen- sowie Einzelbereiche im Raum oder Haus integriert (vgl. hierzu den Begriff „ökologische Nische“)
  • Eingehen auf den menschlichen Organismus (vgl. Kükelhaus „Organismus und Technik“) mit seiner bipolaren Prägung, also dem Wunsch nach dem wechselweisen Erleben von Enge / Weite im Raum, aktiv / passiv sein können, helle / dämmerige, dunkle Raumzonen, allein oder gemeinsam sein etc.
  • auf die verschiedenen Raumzonen abgestimmte Licht- und Farbgestaltung
  • bei Neubauten: sinnvolle Grundrisse ohne angstmachende Langflure, eine „Hausmitte“ definieren und gliedern, der Uniformität durch die Einzigartigkeit von Haus- und Raumdetails entgegenwirken, das „Normalisierungsprinzip“ (vgl. Bruno Bettelheim) umsetzen, d. h. soziale Einrichtungen sollten nicht durch ihre architektonische Form ihre Bewohner stigmatisieren, sondern möglichst normal aussehen. Angenehme, bedürfnisgerechte Sanitärräume im Sinne von Erlebnisräumen anstatt von Waschbatterien bauen.

Zuguterletzt dürfen bei der räumlichen Verwirklichung von Geborgenheit die Begriffe „Lebendigkeit“ und „Schönheit“ nicht vergessen werden, auch wenn diese oft als „Geschmackssache“ gesehen werden. Zitat nach Prof. Wolfgang Mahlke: „Häßlichkeit kommt vom Wort her vom Haß, Schönheit aber ist heilsam!“


Gezeigtes Beispiel: Sanitärraum in einem Heim für Jugendliche Bewohner. Abgestimmte Materialien (Holz und Stein) und Farben (Rot-Grün-Komplementärkontrast). Einbeziehung  / Eigenbeteiligung der Bewohner durch von ihnen selbstgemachte Fliesen.

2. Stabilität / Halt / Sicherheit
Stabilität / Dauerhaftigkeit gibt Halt in unserer heutigen Zeit der Unbeständigkeit und der steten Veränderung, der Unstetigkeit. Die bestimmenden Begriffe der letzten 20 Jahre waren „Mobilität“ und „Flexibilität“. Häufig wechselnde Bezugspersonen in der Familie, oft „fluktuierendes“ also ab- und zuwanderndes Personal in den sozialen Einrichtungen, angegriffenes, damit der weiteren Zerstörung anheimgegebenes Mobiliar in Heimen und Schulen – unterstützen sicherlich nicht die persönliche Entwicklung von jungen Menschen. Der Einsatz von gediegenem, haltbarem Ambiente - Einbauten und Mobiliar - hingegen deutet auf die Wertschätzung der einzelnen „Nutzer“ hin. Es kann dadurch ein positiv stimmendes, belastbares Wohn- und Lernmilieu geschaffen werden. Und damit die innere Stabilisierung und Entwicklung, sowie das Selbstbewußtsein und die Fähigkeiten der Heimbewohner / der Schüler räumlich unterstützt werden. Raumgestaltung als vertrauens-bildende Maßnahme sozusagen.

Der Wunsch nach stabilen Verhältnissen ist ein menschlicher Urinstinkt. (vgl. hierzu den Liedtext der deutschen Band „Silbermond“ von 2011 „Gib mir ein kleines bischen Sicherheit“  Textzeile „...- gib mir was, irgendwas, das bleibt...“)


Gezeigtes Beispiel: Festeingebaute, gemütliche Sitzecke in einem Jugendheim (kurz vor Fertigstellung). Eine Wohngruppe für 8 – 13jährige Jungen. Für die Kleineren ist ein geschütztes, dauerhaftes und zweistöckiges Spielangebot in Form einer „Höhle“ und eines „Baumhauses“ entstanden.

Architektonisch / raumgestalterisch werden zur Erreichung von Stabilität u. a. folgende Gestaltungsmittel eingesetzt:

  • belastbare, überprüfbare, handwerklich hergestellte Einbauten und Möbel, sowie deren Verbindung untereinander
  • gediegenes, haltbares und überarbeitbares Material (zeitliche Beständigkeit)
  • festeingebaute, dauerhafte Raumangebote für Tätigkeit, Rückzug, Entwicklung eigener Fähigkeiten (z. B. Werkecken)
  • feste, an den Nutzerbedürfnissen orientierte Strukturen im Haus, im Raum
  • durchschaubare Konstruktionen und Materialquerschnitte
  • unverrückbare, zusammenhängende Einbauten
  • bei Neubauten: sinnvolle, dauerhafte Hausgrundrisse, die nicht nach kurzer Zeit wieder verändert werden müssen, sondern durch fachübergreifende Zusammen-arbeit den päd. Anforderungen für längere Zeit genügen. Technische Ausstattung auf die jeweilige Nutzergruppe bezogen (z. B. Fußbodenheizung in der Kinderkrippe). Sinnvoll kombinierte Räume / Raumfolgen. Differenzierte Licht- und Farbgestaltung, auf die Einzelräume und deren Bereiche bezogen.


Gezeigtes Beispiel: Aufrichten eines Balken-Ständerwerkes im Gruppenraum einer Wohngruppe für Jugendliche. Die handwerklichen Details (z. B. Überblattungen) bleiben sichtbar und machen die Konstruktion durchschaubar. Die Einbauten werden mit Wand und Decke fix verbunden und sind so sehr stabil und belastbar.

Erlebbare Sicherheit (neben der pädagogischen Zuwendung und Förderung) auch durch die Raumgestaltung schützt u. E. nach vor depressivem Verhalten, macht Mut zum Leben und reduziert destruktive Verhaltensmuster.

3. Konstruktive Aktivität
Von dem deutschen Philosophen Immanuel Kant stammt der Satz: „Hände sind das äußere Gehirn des Menschen.“ Möglicherweise ist dieser Satz angelehnt an unser Wort vom „Begreifen“.

Jedenfalls aber ist sinnvolle Tätigkeit sicher ein Beitrag zur Lebensqualität. Selbstgeschaffenes gibt Selbstsicherheit. Eigene Tätigkeit führt weg vom Konsum oder vom, von anderen vorgelebten Leben (siehe heute die Suche oder Sucht vieler deutscher Jugendlicher nach den grassierenden Neue-Superstar-Shows in der TV-Maschinerie). Gemeinschaftliches Handeln beim Werken stärkt Sozialkontakte und ruft Gemeinschaftsgeist hervor. Begabungs- und zielorientierte, und entsprechend gestaltete Tätigkeitsbereiche in sozialen Einrichtungen und Schulen fördern die Fähigkeiten. Der tätige Mensch ist der zufriedene Mensch, Langeweile hingegen führt leicht zu Vandalismus. Zum gemeinsamen Tun sei der Satz von Maria Montessori „Hilf mir, es selbst zu tun!“ erwähnt. Der Wunsch nach Aktivität ist ein menschlicher Urinstinkt.


Gezeigtes Beispiel: Zweier-Werktisch in einem Heim für autistische Jugendliche.Unter Betreuung der päd. Mitarbeiter finden hier zielgerichtete Angebote statt. Auch wird gemeinschaftliches Handeln eingeübt. Die Fähigkeiten des Einzelnen werden gestärkt.

Architektonisch / raumgestalterisch werden zur Erreichung von Aktiviät u. a. folgende Gestaltungsmittel eingesetzt:

  • sichtbar angebotene Materialien und Werkzeuge – Aufforderungcharakter!
  • auf den Tätigkeitsbereich hin bezogene Ausstattung
  • fähigkeitsbezogene Tätigkeitsbereiche zur Förderung Einzelner
  • genügend Stauraum für Materialangebote
  • Betonung und Wertschätzung der Tätigkeit z. B. durch Anordnung dieser Bereiche auf Podesten (...wer etwas Sinnvolles tut, steht höher...)
  • Integration der Tätigkeitsbereiche im Raum (nicht im Keller)
  • lebenspraktische Tätigkeiten (z. B. Hauswirtschaft) räumlich in der Gruppenmitte verankern
  • Ausstellungsmöglichkeiten (z. B. Pinnwände, Ablageflächen) für angefertigte Werkstücke oder Bilder
  • bei Neubauten: Werkräume nicht in unterbelichtete Kellerräume aussondern. Evtl. Themenräume mit speziellen päd. Angeboten (z. B. Musikerziehung, Medien, Atelier, Papier-, Glas-, Holzwerkstatt) planen. In Heimen innerhalb des Gruppenraumes Tätigkeitsbereiche einplanen.


Gezeigtes Beispiel: Schulraum (Tafelbereich) mit vielfältigem Materialangebot, das den Raum hinter der Tafel nutzt und so den Schülern als ständige Aufforderung zum Tun „vor die Nase gesetzt“ ist. In weiteren Schulräumen kam hier beispielsweise die Klassenbibliothek unter.  Rechterhand „dezentral“ zum „Frontalunterricht“ der Lehrerarbeitstisch.

4. Individualität und Gemeinschaft erlebbar machen
Durch die oben erwähnten, zusammengewürfelten „künstlichen Gruppen“ in sozialen Einrichtungen, Heimen und Schulen, den damit verbundenen „Dichtestreß“ (Buddensiek) und die Größe der Gruppen in Heimen, KiTas oder Schulen, stellt sich natürlicherweise die Frage nach der Berücksichtigung, Wertschätzung und Förderung des Einzelnen innerhalb dieses, eigentlich, Massen-Gefüges. Auch hier kann der flächenmäßig begrenzte, und damit unabdingbar sinnvoll zu gliedernde Raum den Pädagogen hilfreich zur Seite stehen. Er kann eine für Menschen natürliche Mischung zwischen Nähe und Distanz anbieten. Dabei ist eine bewußte Grenzziehung zwischen Einzelbereichen für Gruppe, Kleingruppe und den Einzelnen Voraussetzung.

Isometrie (perspektivische Darstellung):
Gruppenraum einer Wohngrupppe für 8 Jugendliche in Bayern. Raumgröße ca. 45 m². Integrierte Bereiche für die Gesamtgruppe, Kleingruppen und den Einzelnen.

Im unteren Bildbereich: Eßecke mit langer Bank, gegenüberliegend Werkbereich auf einem stufenhohen Podest mit Werktischen und Regalschränken, Werkzeug, Material. Hier gibt es auch eine Durchreiche zur (hier nicht dargestellten) Küche.

Im oberen Bildbereich: Gemeinsame, gemütliche Sitzecke (mit TV in einem Schrank), Einzelarbeitstisch am Fenster, kleine versteckte Spiele-Ecke unter einem Baldachin, eine erhöhte Rückzugs- und Liegeecke.

Eine alters- und bedürfnisgerechte Berücksichtigung des Individuum – auch durch den Raum – fördert den Einzelnen in seiner Gruppen- und Teamfähigkeit. Durch ausreichende Wertschätzung und räumliche Gestaltung dessen, was der Einzelne braucht, wird sein positives Verhalten in der Gemeinschaft unterstützt. Der Raum muß durch seine Angebote Gruppenfähigkeits- und Individualentwicklungs-Impulse setzen! Im Schulraum beispielsweise durch Flächen für Frontalunterricht, Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit. Erfahrungsgemäß werden dann die Konflikte weniger werden, die Lautstärke dem konzentrierten Tun nachgeben – und der Raum „miterziehen“.

Architektonisch / raumgestalterisch werden zur Erreichung von Individualität und Gemeinschaft u. a. folgende Gestaltungsmittel eingesetzt:

  • Bereiche für die Gesamtgruppe planen
  • Bereiche für Kleingruppe(n) planen
  • Bereiche für Einzelne (Rückzugs- oder Konzentrationsbereiche) planen
  • dabei immer die Raumbereichsgröße (und Nutzerzahl) vorüberlegen
  • Sicht- und Hör-, also Teilnahmemöglichkeiten an der Gruppe durch Durchblicke, kleine Fenster, Sprossen, Brüstungen in den Einbauten
  • Zusammenhänge der Raumbereiche für Gruppe und Individuum
  • themenbezogene Raumbereiche für Partner-, Gruppen- und Einzelarbeit
  • bei Neubauten: Betonung der „Nutzflächen“ gegenüber von reinen Bewegungsflächen (v. a. Flure zum Massenaufenthalt). In Fläche und Höhe gegliederte Erfahrungsräume schaffen anstatt monotoner Großräume. Nischen in Räumen bereits in der Wandstellung / im Grundriß miteinplanen.


Poststelle in einem Heim für jugendliche und teilweise auch behinderte Menschen. Farbliche Betonung, differenzierte Leuchtkörper, sowie Einbautische in Standhöhe von Erwachsenen und von Rollstuhlfahrern. (Bildnachweis für alle Fotos: Bauen für Geborgenheit 2011)

Weitere wichtige Gedanken zur Raumgestaltung (Gegensatzpaare aus dem Abschlußbericht unseres Forschungsprojektes von 1986 - 1991)

  • vom undifferenzierten zum differenzierten Raum (Befriedung durch Angebote)
  • von der Addition zur Integration (optische und formale Beruhigung)
  • natürliche, elementare Gestaltung statt rein dekorativer, künstlicher Elemente (Ehrlichkeit ist spürbar)
  • lebendige, assymetrische Gestaltung statt starrer Symmetrie im Raum
  • Einfachheit statt steriler Perfektion (das Anknüpfen der Nutzer wird erleichtert)
  • harmonische, sensibilisierende Farbgebung statt grellbunter Überfrachtung (Farbgesetze sind andauernder als die Mode). Komlementäre Farbpaare auf die jeweilige Altersgruppe bezogen
  • auf die einzelnen Raum-/Funktionsbereiche hin durchdachte und differenzierte Lichplanung im Gegensatz zu durchgehender Flächenausleuchtung mittels Leucht-stoffröhren
  • Strukturen im Raum zur Orientierung statt zusammengewürfeltem Durcheinander (sich orientieren und Ordnung zu halten wird unterstützt)

Warum aber gehen auch heute noch viele Neubauten im sozialen Bereich „schief“ und führen zu dem oft gehörten Wort der Pädagogen: „Der Raum ist gegen meine pädagogische Arbeit.“?

Lassen Sie uns hier den Architekturprofessor Witold Rybczynski (Montreal) aus seinem Buch „Der Verlust der Behaglichkeit“ von 1986 zitieren (aus dem Vorwort):

Im Laufe meines sechsjährigen Architekturstudiums kam das Thema Wohnkomfort nur ein einziges Mal zur Sprache. Ein Ingenieur für Lüftungsbau erwähnte es, als er meine Kommilitonen und mich in die Geheimnisse der Klima- und Heizungstechnik einweihte. Er definierte eine „Komfort-Zone“, wie er sie nannte; es handelte sich dabei, wenn ich mich recht entsinne, um eine nierenförmige, schraffierte Fläche auf einem Diagramm, das etwas über das Zusammenwirken von Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit aussagte.

Das Wohlbefinden hauste innerhalb dieser Komfortniere, außerhalb davon war Unbehaglichkeit. Das war so ungefähr alles, was wir zu diesem Thema zu hören bekamen, und es blieb ein eigenartiger weißer Fleck auf einem Studienplan, der ansonsten in puncto Gründlichkeit und Rigorosität nichts zu wünschen überig ließ.

Eigentlich hätte, so sollte man denken, der Begriff des Wohnkomforts bei der Vorbereitung auf den Architekturberuf eine zentrale Rolle spielen müssen, wie der Begriff der Gerechtigkeit bei den Juristen oder das Ideal der Gesundheit bei den Medizinern ...

Zitat Ende

Je schwieriger die pädagogische Arbeit wird, desto mehr muß man darüber nachdenken, unter welchen Bedingungen sie stattfindet!
Janusz Korczak

roland bayer 2011